Die Sage vom Nikolassee


Es war zur Regierungszeit der Markgrafen von Brandenburg, also vor ein paar 100 Jahren. Der Nikolassee lag damals in einer Schlucht und war von dichtem Eichenwald umgeben. Die Leute nannten den See „Tusen“, keiner wusste, woher der Name kam. An den Hängen der Berge wuchsen viele Kräuter, die nicht nur von den Mönchen des Klosters Lehnin gesammelt wurden, um daraus Medizin zu bereiten, sondern es wuchs dort auch ein Kraut, das Verliebte aneinander fesselt, wenn sie den Saft davon trinken.

Ein junges Mädchen namens Bärbel aus dem Dorf Krummensee hatte sich in Friedrich, den jungen Bürgermeister des Ortes, verliebt. Man munkelte, dass sie ihm heimlich von diesem Saft zu kosten gegeben habe und auch selbst davon getrunken hatte. Denn trotz allem Tratsch, dem seit eh und je Liebende auf dieser Welt ausgesetzt sind, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Nicht einmal eine längere Trennung konnte sie wankelmütig gegen andere Bewerber machen.

Ihr Liebster befand sich zur Zeit auf einem Feldzug der Märker gegen Banden, die gerade die Mark Brandenburg unsicher machten. Einer der um sie werbenden Freier, ein Jürgen aus Zehlendorf, wurde über ihre Ablehnung so zornig, dass er seinen Nebenbuhler Friedrich beim Dorfpfarrer der Kumpanei mit den heidnischen Slawen aus Slatdorp (heute Schlachtensee) bezichtigte. Der Dorfpfarrer lachte ihn aber aus, da er das Ränkespiel des jungen Mannes durchschaute. Seine Einstellung änderte sich jedoch, als ihm Jürgen eines Abends berichtete, der besagte Friedrich würde mit den Slawen zusammen am Tusen den Heidengöttern opfern. Kurz darauf kam Jürgen in das Dorf zurück. Nach Rücksprache mit dem Abt von Lehnin ließ nun der Pfarrer Kläger und Beklagter gefangen nehmen. Bei der Gerichtsverhandlung erzählte Jürgen Einzelheiten eines Geschehens von vor 15 Jahren, an das sich einige der Anwesenden noch genau erinnern konnten. Damals war der vierzehnjährige Sohn seines Bruders spurlos verschwunden. Nun behauptete der Ankläger, dass dieser Junge als Menschenopfer der Slawenheiden gedient habe. Zur Verhandlung hatte der Abt von Lehnin auch zwei Mönche aus dem Kloster ins Dorf geschickt, den Bruder Martin und einen jüngeren Laienbruder namens Paulus. Letzteren hatte man vor Jahren als Kind, mehr tot als lebendig, auf der Schwelle der Klostertür aufgefunden.

Nach dem Eintreffen der Beiden musste die Gerichtsverhandlung erst einmal unterbrochen werden, denn der Laienbruder Paulus war so erschöpft, dass er immer wieder einschlief und der Verhandlung nicht folgen konnte. In der nächsten Nacht erschien dem Mönch im Traum der Heilige Nikolaus. Er forderte ihn auf, mit ihm zum Tusen zu gehen. Er wollte ihm dort zeigen, was damals wirklich geschehen war. Als beide am See ankamen, sah Paulus einen kleinen Jungen schlafend in einem alten, hohlen Baumstamm sitzen. Plötzlich erschien ein Bauer, der den Knaben packte und ihn in den See stieß.

Paulus wollte nun den Bauern festhalten, aber der Mörder lachte höhnisch auf, riss sich los und lief davon. Als der Mönch entsetzt aufschaute, stand vor ihm der Heilige Nikolaus und hielt das Kind im Arm. „Ich habe Dich vor 15 Jahren vor dem Tode gerettet und Dich auf Eure Klosterschwelle gelegt. Wenn Du heute aufwachst, ist der Augenblick gekommen, dem Abt und den Dorfbewohnern meine Bedingungen mitzuteilen, um den Mörder zu entlarven. Höre also gut zu: Der Tusen soll fortan Sant Klaus-See heißen. Der Abt soll den See weihen und der Mörder muss sofort bestraft werden. Willst Du das ausrichten?“ Der Mönch nickte stumm. „Dann sollt Ihr heute noch den Mörder erkennen!“

Nach diesen Worten verschwand der Heilige Nikolaus und der Mönch Paulus wachte schweißgebadet auf. Er wachte gerade zur rechten Zeit auf, denn die Gerichtsverhandlung sollte jeden Augenblick fortgesetzt werden. Paulus erzählte sofort Martin in Gegenwart der Anwesenden von seinem Traum. Als er seinen Bericht beendet hatte, blickten ihn alle gespannt an. Er fragte nun: „Wer aber ist mein Vater?“ und nach einer kurzen Pause, in der er sich hilflos umblickte: „Wer ist mein Mörder?“. Nach dieser Frage herrschte Totenstille im Raum und alle blickten den Dorfpfarrer an, als der sich erhob und vor das Gericht trat.

„Ich bin ein alter Mann“, begann er laut und deutlich, wie er es von seinen Predigten gewohnt war, zu sprechen. „Ich kann mich noch genau des Geschehens von damals erinnern. Dein Vater“, er wandte sich jetzt Paulus zu, „ist der dort sitzende Bauer Heinz, der heutige Klausner (Bewohner einer Klause, einer kleinen einsamen Hütte) im Eichenwald am Tusen. Deine Mutter, mein Sohn, ist kurz nach Deinem Verschwinden vor Kummer gestorben".

Da stürmten die beiden Männer auf einander zu, fielen sich in die Arme und schämten sich der Freudentränen nicht. Dabei erkannten sie sich an einem Muttermal am Hals. Dann trat Paulus aber auf den Ankläger Jürgen zu. Im gleichen Moment erinnerte sich der unter den Zuhörern stehende Slawe Palix plötzlich an ein Geschehen, als er mit anderen Bauern Rohr schnitt. Es war der Tag, an dem das Kind verschwunden war und er den Jürgen am See traf.

Als er seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, ordnete das Gericht eine kurze Pause an. Allen Anwesenden sollte noch einmal Gelegenheit gegeben werden, über das Gehörte nachzudenken. In dieser Sitzungspause ging Bruder Martin in die naheliegende kleine Kirche, um zu beten. Plötzlich hörte er eine Stimme, die ihm befahl, sofort wieder in das Pfarrhaus zu gehen, wo die Gerichtsverhandlung stattfand, denn dort würde er den Gesuchten finden. Bruder Martin sprang auf und eilte zu den Wartenden, denen er seinen Traum erzählte. Ohne zu überlegen wandte er sich dem nahestehenden Jürgen zu und sprach: „Ich erblickte einen kleinen Mann mit roten Haaren. Er sah aus, wie jener dort!“ Dabei deutete er auf ihn. Als der so Angesprochene das hörte, drehte er sich um und lief zur Tür hinaus. Kopflos vor Angst und Entsetzen stürzte er in den nahen Wald, gefolgt von den zahlreichen Dörflern, die ihn zu fassen versuchten. Da sahen sie, wie Jürgen den Hang zum See hinunterstolperte und schreiend im Moor am See versank. Entsetzt fielen alle auf die Knie und beteten für seine arme Seele.

Nach dem Freispruch gab der Schulze von Zehlendorf die Bärbel dem Friedrich zur Frau. Kurze Zeit danach ward der Tusen in einer feierlichen Prozession in Sankt Claussee umgetauft. Am Südufer errichteten die Dorfbewohner eine kleine Kapelle zu Ehren des Heiligen Nicolaus von Myra. Auf alten Karten zeugt die Bezeichnung „Mönchsdamm“ am Südufer des Sees von den Ereignissen jener fernen Tage und erinnert daran, dass Unrecht nicht gut gedeihen kann!

 

Aufgespürt von Herbert Kraft und aufgeschrieben von Peter Gentzen, dem Herausgeber 

des Buches zum 100-jährigen Jubiläum von Nikolassee

 

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